Leseprobe — vollständige Lektion

Das hier ist keine gekürzte Werbefassung. Es ist Lektion 2 aus Modul 00, exakt so, wie sie im Kurs steht — mit allen Übungen. Wenn du sie liest und danach denkst, das bringt dir nichts, dann kauf den Kurs bitte nicht.

Modul 00 — Start: Wo du gerade stehst

Die Chaos-Bestandsaufnahme

Wo dein Arbeitstag Reibung erzeugt: schwarz auf weiß statt aus dem Bauch.

ca. 9 Minuten Lesezeit

Vielleicht kennst du das: Wenn du an die letzten Wochen denkst, fällt dir zuerst der eine Tag ein, an dem es lief. Der Dienstag, an dem du in vier Stunden ein Konzept geschrieben hast, über dem das Team seit Tagen brütete. Die zähen Tage davor, an denen du dieselbe Mail dreimal geöffnet und wieder geschlossen hast, verschwimmen dagegen zu einem grauen Brei. Und wenn dich jemand fragt, wie deine Arbeitswoche war, antwortest du aus diesem Brei heraus, mit einem Gefühl statt mit einem Befund.

Das ist keine Charakterschwäche, sondern ein Messproblem. Aus dem Gedächtnis lässt sich schlecht sagen, wo die Zeit wirklich hingeht und was sich über die Wochen verändert. Messprobleme löst man mit Messungen, nicht mit Vorsätzen. Deshalb beginnt der Kurs mit einer Bestandsaufnahme: zwölf Fragen, fünfzehn Minuten, und am Ende drei Reibungspunkte, die dich durch alle Module begleiten.

Dass Reibung im Job real und verbreitet ist, zeigen auch große Befragungen der WHO in zehn Ländern. Beschäftigte, die die Kriterien für ADHS erfüllten, berichteten dort im Mittel von deutlich mehr Tagen mit eingeschränkter Arbeitsleistung als andere (de Graaf et al. 2008). Das ist ein Gruppenmittelwert aus Selbstauskünften, keine Aussage über dich. Deine eigene Zahl findest du nur, indem du selbst hinschaust. Und noch eine Einordnung zu einer der zwölf Fragen: „Zeitblindheit“ ist ein Alltagsbegriff, kein Fachbegriff. Laborstudien fanden bei Menschen mit ADHS im Mittel eine ungenauere Zeitwahrnehmung (Metcalfe et al. 2024), gemessen im Bereich von Sekunden bis Minuten. Ob das erklärt, warum eine Aufgabe plötzlich drei Stunden dauert, ist nicht direkt untersucht.

Die Methode in sechs Schritten

  1. Beantworte die zwölf Fragen auf einer Skala von 0 (trifft nie zu) bis 4 (trifft fast täglich zu). Nimm den ersten Impuls, nicht das durchdachte Urteil.
  2. Bilde die Summe und notiere sie mit Datum. Das ist dein persönlicher Startwert.
  3. Markiere die drei Fragen mit dem höchsten Wert. Das sind deine Reibungspunkte.
  4. Schreib zu jedem Reibungspunkt ein konkretes Beispiel aus der letzten Arbeitswoche auf.
  5. Ordne jeden Reibungspunkt einem der drei Kostenfaktoren zu: Wiedereinstieg, Entscheidungsstau oder Nacharbeit durch Tempo.
  6. Optional: Schätz mit dem Kostenrechner, was dich die Reibung im Monat kostet.

Die zwölf Fragen

  1. Ich fange Aufgaben an und lasse sie unfertig liegen.
  2. Ich merke erst am Abend, dass ich das Wichtigste nicht angefasst habe.
  3. Ich verschiebe Entscheidungen, obwohl ich alle Informationen habe.
  4. Ich sage Ja zu Terminen, die ich später bereue.
  5. Ich lese dieselbe E-Mail mehrfach, ohne zu antworten.
  6. Ich weiß am Montag nicht sicher, was diese Woche wirklich zählt.
  7. Ich arbeite abends nach, weil tagsüber nichts vorwärtsging.
  8. Ich unterschätze systematisch, wie lange etwas dauert.
  9. Ich habe mehr als einen Ort, an dem meine Aufgaben stehen.
  10. Ich fühle mich nach acht Stunden leer, ohne benennen zu können, was ich geschafft habe.
  11. Ich vermeide bestimmte Aufgaben so lange, bis sie eskalieren.
  12. Ich brauche nach Meetings deutlich länger als andere, um wieder reinzukommen.

Die drei Kostenfaktoren

Die zwölf Fragen landen am Ende bei drei Stellen, an denen Zeit und Kraft versickern. Das ist ein Praxismodell für diesen Kurs, keine wissenschaftliche Einteilung. Das Tückische an allen dreien: Sie fühlen sich im Moment nicht wie Verlust an.

KostenfaktorWie es sich anfühltWas dahintersteckt
Wiedereinstieg„Ich war ja nur kurz raus.“Nach jeder Unterbrechung musst du den Faden wiederfinden: Wo war ich, was war der nächste Schritt? Diese Minuten tauchen in keinem Kalender auf, summieren sich aber über einen Tag mit vielen Unterbrechungen.
Entscheidungsstau„Da muss ich noch mal drüber schlafen.“Offene Entscheidungen bleiben liegen und melden sich immer wieder. Mehrere davon können sich anfühlen wie ein voller Arbeitstag, obwohl noch nichts erledigt ist.
Nacharbeit durch Tempo„Ging schnell, war produktiv.“Schnell zugesagt, ein Detail übersehen, Wochen später die Korrekturschleife mit mehreren Beteiligten. Die Nacharbeit wird nie dem ursprünglichen Termin zugerechnet, deshalb wirkt der schnelle Termin im Rückblick gut.

Optional: der Kostenrechner

Manche finden es hilfreich, die Reibung in eine Zahl zu übersetzen. Schätz, wie viele Stunden pro Arbeitstag durch die drei Kostenfaktoren verloren gehen, und multipliziere mit 20 Arbeitstagen. Das Ergebnis multiplizierst du mit einem Stundenwert: bei Angestellten grob das Bruttojahresgehalt geteilt durch 1.600 (eine vereinfachte Annahme für die Jahresarbeitsstunden), bei Selbstständigen dein tatsächlicher Stundensatz. Das ist eine Beispielrechnung mit deinen eigenen Schätzungen, kein Messwert, und es gibt bewusst keine Vergleichszahl, an der du dich messen solltest. Sie ist kein Urteil über deine Vergangenheit, sondern zeigt nur, wie viel Spielraum in deinem Alltag steckt. Wenn sie dich eher runterzieht als motiviert, lass den Rechner weg. Der Kurs funktioniert auch ohne ihn.

So liest du dein Ergebnis

  • Die Summe ist nur für dich und nur für später. Sie wird erst interessant, wenn du sie in ein paar Wochen mit einer zweiten Summe vergleichst. Heute sagt sie dir nichts, außer dass du angefangen hast.
  • Die drei höchsten Einzelwerte sind wichtiger als die Summe. Sie zeigen dir, wo du ansetzt. Eine Vier bei einer Frage verrät mehr über deinen Alltag als eine Summe von 25.
  • Notier neben Datum und Summe ein Stichwort zur Lage: normale Woche, Quartalsende, Urlaubsvertretung. Eine Summe aus einer Ausnahmewoche lässt sich später nur mit diesem Stichwort richtig einordnen.
  • Wenn fast alle Werte hoch sind, ist das kein Zeichen, dass alles verloren ist, sondern ein Hinweis, dass die Lage gerade insgesamt dicht ist. Dann lohnt es sich besonders, beim Fahrplan in Lektion 00.4 über Modul 04 nachzudenken.
  • Wenn fast alle Werte niedrig sind, such die Reibung an den Stellen, an denen du dich über dich selbst geärgert hast. Die Fragen decken nicht alles ab, und ein eigener Reibungspunkt mit gutem Beispiel ist erlaubt.

Ein Reibungspunkt ist erst brauchbar, wenn er ein konkretes Beispiel hat. „Ich schiebe Dinge auf“ ist zu groß, um damit zu arbeiten. „Die Reisekostenabrechnung für März liegt seit drei Wochen im Ordner, weil ich die Belege erst zusammensuchen müsste“ ist ein Punkt, an dem eine Struktur ansetzen kann. Das Beispiel aus der letzten Woche verankert die Frage in deinem echten Alltag. Und es ist das, woran du dich in ein paar Wochen erinnerst, wenn du prüfst, ob sich etwas verändert hat.

Ein letzter Hinweis zur Haltung beim Ausfüllen: Erwachsene mit ADHS beschreiben in einer Zusammenfassung qualitativer Studien, dass es ihnen geholfen hat, die eigenen Muster zu verstehen (Bjerrum et al. 2017). Das sind Erfahrungsberichte, keine Wirksamkeitsstudie. Aber genau darum geht es hier: um einen nüchternen Blick auf deine Muster, ohne Bewertung. Du machst eine Bestandsaufnahme, keine Abrechnung.

Drei Beispiele

Büro: Timo arbeitet in der Leistungsabteilung einer Krankenkasse (ein ausgedachtes Beispiel, wie alle Personen in diesem Kurs). Seinen höchsten Wert hat er bei „Ich lese dieselbe E-Mail mehrfach, ohne zu antworten“. Als Beispiel notiert er die Anfrage eines Arztes, die seit Mittwoch offen ist, weil er nicht wusste, ob er zuständig ist. Er ordnet den Punkt dem Entscheidungsstau zu.

Projekt: Mara ist Projektmanagerin in einer Agentur. Bei ihr liegt „Ich unterschätze systematisch, wie lange etwas dauert“ vorn. Beim Suchen nach einem Beispiel findet sie drei im letzten Sprint und ordnet den Punkt der Nacharbeit durch Tempo zu, weil ihre Zusagen danach jedes Mal nachverhandelt werden mussten.

Führung: Bei Stefan, Abteilungsleiter in einem Maschinenbauunternehmen, steht „Ich brauche nach Meetings deutlich länger als andere, um wieder reinzukommen“ oben. Ein Blick in seinen Kalender zeigt, warum: Dienstags und donnerstags hat er fünf Termine am Stück. Er ordnet den Punkt dem Wiedereinstieg zu.

Übung: Die 12-Fragen-Bestandsaufnahme

ca. 15 Min
  1. Beantworte die zwölf Fragen im Workbook auf der Skala von 0 bis 4, nach erstem Impuls. Halte dabei Kalender und Postfach der letzten Woche offen.
  2. Bilde die Summe und trag Datum und Summe als deinen Startwert ein.
  3. Markiere die drei Fragen mit dem höchsten Wert. Bei Gleichstand gewinnt die, die dich diese Woche am meisten geärgert hat.
  4. Schreib zu jedem der drei Reibungspunkte ein konkretes Beispiel aus der letzten Arbeitswoche.
  5. Ordne jeden Reibungspunkt einem Kostenfaktor zu: Wiedereinstieg, Entscheidungsstau oder Nacharbeit durch Tempo.
  6. Optional: Rechne mit dem Kostenrechner im Workbook aus, was dich die Reibung im Monat kostet.

Dein Ergebnis

Dein Startwert mit Datum und drei Reibungspunkte, jeder mit Beispiel und Kostenfaktor (Workbook, Seite zu Übung 00.2). Das ist die Grundlage für die nächsten beiden Lektionen und für den Vergleich in Lektion 05.3.

Wenn es nicht klappt

FehlerbildGegenmittel
Du grübelst über jede Frage und willst sie „richtig“ beantworten.Stell einen Timer auf 15 Minuten. Erster Impuls, keine Korrekturen. Es gibt keine richtige Antwort, nur deine von heute.
Der Wert zieht dich runter oder fühlt sich wie ein Urteil an.Der Wert ist ein Messpunkt, kein Urteil und keine Diagnose. Du vergleichst dich nur mit dir selbst, in ein paar Wochen.
Beim Ausfüllen hast du nur die guten oder nur die schlechten Tage im Kopf.Geh die letzte Woche Tag für Tag im Kalender durch, bevor du antwortest. Die Termine erinnern dich an das, was dazwischen lag.
Dir fällt zu einem Reibungspunkt kein Beispiel ein.Nimm den nächsten Punkt auf der Liste. Ein Reibungspunkt ohne Beispiel ist zu abstrakt, um damit zu arbeiten.

„Du brauchst nicht mehr Zeit. Du brauchst weniger Reibung zwischen den Dingen.“

Das Wichtigste in einem Satz

Was du nicht misst, schätzt du nach Gefühl. Erst dein Startwert zeigt dir später, ob sich etwas verändert hat.

So sind alle 25 Lektionen gebaut

Konkret, mit Quellen und einer Übung am Ende, ohne Motivationsgerede. Der Kurs hat 6 Module und 25 Übungen — zusammen etwa 191 Minuten Lesezeit, gedacht für ein Modul pro Woche. Dazu kommen ein ausfüllbares Workbook und Vorlagen für deinen Arbeitsalltag.

Der Kurs ersetzt keine medizinische Diagnostik, Therapie oder Behandlung. Wenn es dir gerade akut schlecht geht, findest du unter Hilfe im Notfall Anlaufstellen.